Dienstag, 22. September 2015

„Wir wussten nicht wohin es ging“



Christa Overesch ist eine waschechte Elteranerin. „Meinen Mann Werner kannten alle und dadurch kennen mich hier eben auch sehr viele“, sagt sie schmunzelnd. Die Wurzeln der 72-Jährigen aber liegen im
oberschlesischen Altlomnitz, das heute zu Polen gehört. Erst Krieg, Flucht und Vertreibung führten sie und ihre Familie ins Münsterland.


Wenn die rüstige Rentnerin an die vielen Tausend Flüchtlinge denkt, die gerade vom Balkan aus Richtung Mitteleuropa ziehen, dann ist sie bestürzt und voller Mitgefühl für die heimatlosen Männer, Frauen und Kinder. „Die Situation heute kann man mit der vergleichen, die die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg erleben mussten“, sagt die 72-Jährige.

An ihre Vertreibung aus Schlesien kann sie sich dank ihrer, erst kürzlich verstorbenen, Mutter noch gut erinnern: „Ich war damals erst dreieinhalb Jahre alt aber vieles ist mir noch gut im Gedächtnis geblieben.“ Im August 46 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter, ihrer jüngeren Schwester, den Großeltern, und dreißig anderen Dorfbewohnern in einen Güterzug gesteckt und abtransportiert. „Wir wussten nicht wohin es ging“, berichtet die Elteranerin. 
 
Ich hatte immer furchtbaren Durst“, erinnert sie sich. Ihre Mutter habe sie immer auf den nächsten Halt des Zuges vertrösten müssen, denn sie habe ja nichts gehabt. Und dann hätte erst die Dampflok Wasser bekommen und erst danach hätten sie sich anstellen und ihre Kanne füllen dürfen. Es sei eine sehr schwere Zeit gewesen, in der die Kinder schrien und die alten Leute schimpften. Eines der 12 Kinder, die in dem Zug eingepfercht waren, sei sogar an den Strapazen des Transports gestorben.

Nach 12 Tagen Fahrt kam der Zug im westfälischen Warendorf an. Dort gab es in einem Pferdegestüt ein Auffanglager. Dann ging es an die Verteilung der Schlesiendeutschen. Viele der Dorfbewohner wurden für den Ort Beckum, die Familie von Christa Langer (so ihr Mädchenname) jedoch für Rheine eingeteilt. Vom Bahnhof Rheine ging es dann mit dem LKW nach Elte. „Viele Elteraner können sich noch gut an unsere Ankunft erinnern und erzählen es mir heute noch“, freut sich Christa Overesch. 
 
Auf dem Hof, zu dem die Vertriebenen anschließend gebracht wurden, schimpfte die Bauersfrau - „Sie wolle keine Kinder auf dem Hof, sie habe schließlich selber welche“. Der damalige Bürgermeister Ewald Schulte-Walter, der für das Verteilen der Flüchtlinge zuständig war, merkte das die Familie mit der Situation überfordert war und brachte die Vertriebenen auf einen anderen Hof - Remke, heute Wieskötter. „Das war unser Glück! Wir waren vom ersten Augenblick an willkommen“, sagt die gebürtige Schlesierin.

Die Großeltern kamen auf dem Hof Quiel unter und hatten es genauso gut getroffen wie Christas Mutter Anna. Elte war zu dem Zeitpunkt ein rein katholisches Dorf und durch die Vertriebenen stießen nun die ersten evangelischen Christen dazu. „Das es in Elte nur wenig Probleme mit den Neuzugezogenen gab, lag wohl zum großen Teil an dem Einsatz von Pastor Wellert, Bürgermeister Eduard Overesch und der Lehrerin Fräulein Micheel“, berichtet Overesch. 
 
Für die Flüchtlinge, die sich momentan über den Balkan nach Ungarn und jetzt nach Deutschland bewegen, hat Christa Overesch Verständnis. „Diese Menschen sind genauso schlimm dran wie wir damals. Wenn ich die Fernsehbilder sehe, dann tut mir das wirklich weh“, sagt sie. Sie erhofft sich das die Bevölkerung hier, jetzt genauso aufgeschlossen ist wie die Bauersleute die sie und ihre Familie damals, mit offenen Armen, aufgenommen haben: „Ich wünsche mir, dass alle, die zu uns kommen, die gleiche Chance bekommen, die wir bekommen haben. Mit etwas Akzeptanz, etwas Entgegenkommen und Vertrauen sollte uns das doch gelingen.“

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